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Körperseelen


Habe ich es schon gesagt? Ich lerne sehen - ja, ich fange an. Es geht noch schlecht. Aber ich will meine Zeit ausnutzen.
Daß es mir zum Beispiel niemals zum Bewußtsein gekommen ist, wieviel Gesichter es giebt. Es giebt eine Menge Menschen, aber noch viel mehr Gesichter, denn jeder hat mehrere.

    (Rainer Maria Rilke. Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge. 1910)
 

Drei menschenähnliche Gestalten sind überlebensgroß in Rückenansichten auf ein weißes Blatt gebannt. Sie stehen in einer Art kreisförmigen Konfiguration zusammen. Ihre Darstellung in lehmigen Braun-, Ocker- und Grau- bis Violetttönen lässt verschiedene Deutungen über die Beschaffenheit ihrer Körperoberfläche zu: Haut, Stoff, Leder? An manchen Stellen zeichnen sich Wirbel und Teile des Rückgrats unter ihrer äußeren Hülle ab. Sind sie nackt oder bekleidet ? - Mit eng anliegenden Trikots etwa, wie sie Tänzer und Akrobaten tragen. Aber diese Figuren schweben nicht leichthin in luftigen Höhen, sondern stehen schwer und erdgebunden da - im Nichts. Da ihre Füße nicht sichtbar sind, entzieht sich auch der Boden unter ihnen. Das Geschlecht der drei Figuren ist indifferent. Sie wirken androgyn, männliche und weibliche Anlagen in sich vereinend. Oder wie Reduktionen auf einen unentfalteten, elementaren gemeinsamen Grundtypus. Künstliche Geschöpfe, die von einem intelligenten Wesen, ihrem Schöpfer, kontrolliert werden. Assoziationen an Golems drängen sich auf, die aus Lehm und Ton menschenähnlich gebildet sind, nicht sprechen können, aber besondere Kräfte besitzen sollen. 

In der Werkschau Anna Frydmans, die vom 14.9. bis 20.10.2007 in der Galerie Claus Semerak (Theresienstr. 63, 80333 München, www.claussemerak.de) zu sehen ist, gehört das hier vorgestellte Bild (ohne Titel Nr. 123/2003, 160 cm x 150 cm) mit zu den größten Formaten. Es steht repräsentativ für das Leitthema der Ausstellung und könnte dessen Titel tragen: Körperseelen. Damit ist ein Sujet gewählt, das mit zu den widerspenstigsten in der abendländischen Philosophie gehört und sie seit Jahrtausenden herausfordert. Den beiden grundlegenden Lösungsansätzen für das Leib-Seele-Problem – Dualismus einerseits und potentielle Einheit von Körper (Materie) und Seele (Geist) andererseits - entsprechen Traditionen in der bildnerischen Darstellung. In der symbolischen Richtung der christlichen Kunst wird die Seele fast immer als entindividualisiertes Wesen vom Körper getrennt figuriert. In der physiognomischen Tradition dagegen gilt der Körper als Ausdruck der Seele, die selbst nicht visualisiert wird. Auf ihrem Höhepunkt im 18. Jahrhundert legte ihr Hauptvertreter, der Schweizer Pastor Lavater mit geradezu obsessiver Passion ein riesiges Bildarchiv von Portraitzeichnungen und Schattenrissen an, aus denen er Rückschlüsse auf seelische Eigenschaften und Charakterzüge der Abgebildeten zog. Die Gesichtslesekunst verstand er als Mittel, das tausendbuchstäbige Alphabet Gottes zu entziffern.

Im Werk Anna Frydmans stößt man neben Darstellungen von Körpern und Körperfragmenten immer wieder auf Kopfstudien – auf ganze Serien von Gesichtern. Auch sie scheint geradezu besessen vom unbegrenzten Arsenal an Ausdrucksmöglichkeiten, die das menschliche Gesicht parat hält. Doch ist ihr Vorgehen dem eines Lavater diametral entgegengesetzt. Während jener als Seelsorger die innere Befindlichkeit seiner Probanden vom Äußeren ableiten will, geht es ihr als Künstlerin darum, der Seele eine Gestalt zu geben. Dahinter steht – weit gefasst – das Grundanliegen der Kunst: die Übersetzung von Idee in Form. Nahe liegender und deutlicher sind Bezüge zu den Expressionisten, die für jede seelische Vibration einen entsprechenden Farbton und ein passendes Formgebilde zu finden suchten. Aber während Kandinsky oder Pollock in ihren Abstraktionen die Seele entindividualisierten, geht es Anna Frydman gerade darum, jeder seelischen Kondition ein menschliches Gesicht zu verleihen. Ein zutiefst humanes Ansinnen. Ihre Kopf- und Körperschöpfungen sind ein tausendgestaltiges Panoptikum der göttlichen Komödie.

Gesicht und Seele sind wie Silbenmaß und Gedanken.

   (Georg Christoph Lichtenberg. Sudelbücher. 1765 ff)
 

Dr. Ita Heinze-Greenberg